Hey, ich bin Oliver! Ich habe irgendwas mit Medien gelernt, lebe in Freiburg, beschäftige mich beruflich mit Energie und fahre Rad.



#projectipadonly

Von Zwangsoutings und einem grundlegenden Problem ganz anderer Art.

Es gibt Momente, in denen mich die ach so tolerante LGBT-Community unfassbar aufregt. Vor allem diejenigen, die meinen allein ein lustiges Kostüm beim örtlichen CSD wäre allen ernstes eine politische Botschaft. Oder die, die sich hinter ihrem anonymen Twitter-Profil verstecken, von “hasserfüllter Hetero-Scheiße” schreiben und unfähig sind eine sachliche Diskussion zu führen. Es gibt ja schließlich den Blockieren-Button. Und dann noch die Pappnasen, die in völliger Unkenntnis über “unsere” (LGBT-)Rechte jede Initiative kleinreden und sich lieber unter ihrer selbst gestrickten Decke aus Ungerechtigkeit verkriechen.

Bestes Beispiel für meine neuerliche Aufregung: Die taz veröffentlichte am Wochenende einen durchaus kontroversen Artikel, in dem das Zwangsouting von Olympioniken durch einen “Hetero-Reporter” der US-Entertainmentplattform “The Daily Beats” behandelt wird. Ganz konkret stellt der taz-Autor provozierend die Frage in den Raum, warum das Verhalten des Daily Beast-Reporters denn einen Shitstorm ausgelöst hat. Mit keinem Wort heißt er das Vorgehen des Daily Beast-Reporters gut (man könnte ihm vorwerfen, dass er es auch nicht verurteilt), vielmehr beschäftigt er sich mit der Naivität der Weltklasseathleten bei Olympia und spricht ihnen aufgrund ihres Auftretens bei einer so bedeutenden Veranstaltung eine gewisse Verantwortung zu. Über die Art und Weise der Darstellung kann man streiten. Einen gewissen Unterton oder die böse Hetero-Perspektive könnte man sicher auch hinein interpretieren. Doch auf rein sachlicher Ebene betrachtet spricht der Autor ein Problem an und es heißt nicht Zwangsouting.

Und wie reagiert die aufgestachelte Meute: Mit Kommentaren wie “ignoranter menschenverachtender Text”, mit der Unterstellung die taz würde “Skandaljournalismus auf BLÖD-Zeitungs Niveau” verteidigen oder mit der Feststellung, dass “bei der Suche nach einem Sexualpartner … das Aussehen des Penis eher eine untergeordnete Rolle” spielt. Mhh, ja, das sollte man wissen um den Artikel auch richtig einordnen zu können! Danke dafür.

Ich hoffe man versteht mich nun nicht falsch. Ich verurteile das Zwangsouting eines jeden Menschen, egal ob im Fokus der Öffentlichkeit oder nicht. Die politisch oder religiös motivierten Folgen sind nicht zu unterschätzen. Auch die Privatsphäre eines jeden Menschen gehört unter allen Umständen gewahrt, egal ob es Angela Merkel beim wandern betrifft, den Olympioniken der ein Sexdate klar macht oder das händchenhaltende Pärchen im Café um die Ecke. Aber, und das ist auch der Grund warum ich den taz-Artikel nicht als so großen Aufreger interpretiere, ich lese den Artikel als Aufforderung. Als Aufforderung an die in der Öffentlichkeit stehenden Mitglieder der LGBT-Community endlich Verantwortung zu übernehmen, um dem Wunsch nach Gleichberechtigung ein Gesicht zu geben. Egal wie oft ich meinen Freund in der Fußgängerzone auch küsse, es wird nie die gleiche Signalwirkung davon ausgehen wie von einem geouteten Sportler, den Millionen von Menschen beachten. Mich stört es ungemein, dass das Thema Zwangsouting überhaupt dazu taugt einen Shitstorm auszulösen und sich keiner die Frage nach dem grundlegenden Problem stellt. Eigentlich sollte uns die Behauptung oder der Beweis, dass dieser oder jene Sportler schwul ist nur ein müdes Schulterzucken entlocken! Wir können keine Gleichberechtigung fordern und zugleich unter allen Umständen Stillschweigen über unsere (sexuelle) Identität wahren wollen. Irgendeiner muss mal vorangehen!

Nochmal zu meinem anfänglichen Aufreger: Blöderweise konnte ich mich nicht zurückhalten und habe mich bei Twitter in eine Diskussion eingeklinkt. Ergebnis: Einmal direkt geblockt nach einem sachlichen Tweet bzw. Belehrung darüber, dass man die “Hetero-Perspektive” des Artikels nur erkennt, wenn man sich eingehender “mit der Materie” beschäftigt. So so. Wie kann ich Dummerchen, als seit 14 Jahren geouteter schwuler Mann, mir auch anmaßen etwas von der Materie zu verstehen.


 

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